Gegen den eigenen Strom: Mein Weg zurück zur natürlichen Hand.

Es ist seltsam, das hier aufzuschreiben. Noch seltsamer ist der Gedanke, dass es irgendwer lesen könnte. Aber ich glaube, wenn ich diese Reise nicht dokumentiere, verliere ich unterwegs den Mut. Und vielleicht sitzt da draußen ja jemand, dem es ganz genauso geht.

Ich bin jetzt 42. Ein gutes Alter, sagt man. Man steht im Leben, hat seine Routinen, kennt sich selbst. Dachte ich zumindest. Bis mein eigener Körper und mein Kopf in letzter Zeit angefangen haben, mir ziemlich deutliche Zeichen zu senden. Es fing harmlos an – kleine Ticks, Konzentrationsaussetzer, Momente, in denen ich wie blockiert war. Erst schiebt man es auf den Stress, den Job, das Älterwerden. Aber irgendwann spürst du, dass da tiefer etwas nicht stimmt. Als würde ein Zahnrad im Kopf ständig blockieren, weil es falsch herum eingebaut wurde.

Die Wahrheit ist: Mein System läuft seit 35 Jahren mit der falschen Software.

Wir schreiben das Jahr 1990, erste Klasse Grundschule. Ich bin eigentlich geborener Linkshänder. Doch damals hieß es noch viel zu oft: „Das Messer links, die Gabel rechts – und geschrieben wird mit der schönen Hand.“ Also wurde ich umgeschult. Sanft, aber gründlich. Man lernt als Kind schnell, man funktioniert, man will dazugehören. Ich wurde zum Rechtshänder. Ich habe mit rechts geschrieben, mit rechts gearbeitet, mein ganzes Leben auf rechts getrimmt. Dass man damit das Gehirn einmal komplett umkrempelt und die Synapsen quasi im Dauer-Gegenverkehr laufen, ahnt man als Kind ja nicht.

Vor ein paar Wochen habe ich den Schritt gewagt und einen Termin bei einer professionellen Händigkeitsberatung gemacht. Ich wollte einfach wissen, ob meine Aussetzer und diese ständige, unterschwellige Erschöpfung daher kommen könnten.

Das Ergebnis war ein echter Augenöffner. Nach vielen Tests und einem sehr intensiven Gespräch stand fest: Die Linkshändigkeit ist meine Natur. Sie war nie weg, sie wurde nur tief vergraben. Und die Ticks? Das ist wohl mein Gehirn, das nach all den Jahren einfach müde ist, permanent gegen den eigenen Strom zu schwimmen.

Gemeinsam sind wir zu dem Entschluss gekommen: Ich mache das jetzt. Ich starte ein Rücktraining auf die linke Hand.

Ich werde wieder lernen müssen, wie man einen Stift hält. Wie man schneidet. Wie man alltägliche Dinge tut, ohne nachzudenken. Es wird Monate dauern, wahrscheinlich ein ganzes Jahr, und es wird verdammt anstrengend für den Kopf. Man sagt, es ist wie eine Operation am offenen Gehirn, nur ohne Skalpell.

Das hier ist Tag Null. Ich habe keine Ahnung, wie frustrierend es wird, wenn die ersten Zeilen wie Kritzeleien aus dem Kindergarten aussehen. Aber ich weiß, dass es der einzige Weg ist, um endlich ganz bei mir selbst anzukommen.

Ich nehme euch hier mit auf diese Reise – ungeschönt, mit allen Fortschritten und jedem softwarebedingten Absturz. Schön, dass du da bist.

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