Vom Kopf auf die Füße gestellt

Da bin ich wieder. Heute möchte ich ein bisschen tiefer graben. Ich habe in den letzten Wochen – auch durch die Gespräche in der Händigkeitsberatung – erst begonnen zu verstehen, was da vor 35 Jahren eigentlich genau mit mir gemacht wurde. Und je mehr ich darüber lese, desto klarer wird mir: „Umlernen“ ist ein viel zu harmloses Wort für das, was da passiert ist.

Wenn man einem Linkshänder das Schreiben mit rechts aufzwingt, ist das kein harmloser Trick, den das Kind halt mal eben lernt. In der modernen Neuropsychologie wird die erzwungene Umschulung der Händigkeit heute als einer der massivsten, unblutigen Eingriffe in das menschliche Gehirn überhaupt angesehen. Manche Experten nehmen im wissenschaftlichen Kontext sogar das Wort „Missbrauch“ in den Mund – und zwar am eigenen Nervensystem.

Warum? Weil Linkshändigkeit keine Marotte ist. Sie ist im Gehirn fest verdrahtet. Bei uns Linkshändern ist die rechte Gehirnhälfte dominant. Dort sitzen wichtige Zentren für Logik, Ganzheitsdenken und Kreativität. Zwingt man ein Kind nun, die rechte Hand – und damit die linke Gehirnhälfte – für hochkomplexe Aufgaben wie das Schreiben zu nutzen, passiert im Kopf ein neurologischer Super-GAU.

Das Gehirn muss fortan jede Information, jeden Gedanken und jeden Bewegungsablauf über die Balkenverbindung (das Corpus Callosum) zwischen den beiden Hälften hin- und herschicken. Das ist so, als würde man von München nach Berlin über Paris fahren. Es funktioniert irgendwie, aber es verbraucht extrem viel Energie.

Und genau hier liegt die Ursache für das, was viele umgeschulte Linkshänder ihr Leben lang mit sich herumschleppen, ohne den Grund zu kennen. Die psychischen und kognitiven Folgen sind wissenschaftlich gut dokumentiert:

  • Die permanente Erschöpfung: Weil das Gehirn im energetischen Dauer-Overdrive läuft, um die falsche Hand zu koordinieren, fehlt diese Energie an anderen Stellen. Man ist oft chronisch müde, obwohl man genug geschlafen hat.
  • Konzentrationsstörungen und Blockaden: Das sind genau die „Aussetzer“, die mich letztendlich zur Beratung getrieben haben. Das System ist schlicht überlastet. Die Datenströme im Kopf blockieren sich gegenseitig.
  • Gedächtnisprobleme: Besonders das Abrufen von gelernten Inhalten unter Stress fällt umgeschulten Menschen oft schwerer, weil die Verknüpfungen im Gehirn nicht den natürlichen, direkten Pfaden folgen.
  • Minderwertigkeitskomplexe und psychischer Druck: Als Kind spürt man permanent, dass man für Dinge, die anderen leichtfallen, dreimal so viel Kraft braucht. Man fühlt sich ungeschickt, „falsch“ oder schlicht dumm – und dieses Gefühl brennt sich tief in die Psyche ein, oft bis weit ins Erwachsenenalter.

Wenn ich mir das heute so ansehe, wird mir schwindelig. Man hat uns damals als Kinder quasi gezwungen, unsere eigene biologische Identität an der Garderobe abzugeben, um in eine rechtshändige Welt zu passen. Ein Eingriff in die Persönlichkeit, der unsichtbar bleibt, aber dessen Wunden man jahrzehntelang spürt.

Genau deshalb sitze ich jetzt hier. Das Rücktraining, das ich bald beginne, ist für mich mehr als nur das Halten eines Stifts mit der anderen Hand. Es ist der Versuch, mein Gehirn wieder zu entlasten. Es ist der Weg zurück zur eigenen Natur, um diesen ständigen Gegenverkehr im Kopf endlich zu stoppen.

Nächstes Mal wird es praktischer – dann erzähle ich euch, wie die ersten konkreten Schritte beim Rücktraining aussehen und warum selbst das Zähneputzen plötzlich zur mentalen Höchstleistung wird.

Gegen den eigenen Strom

Es ist seltsam, das hier aufzuschreiben. Noch seltsamer ist der Gedanke, dass es irgendwer lesen könnte. Aber ich glaube, wenn ich diese Reise nicht dokumentiere, verliere ich unterwegs den Mut. Und vielleicht sitzt da draußen ja jemand, dem es ganz genauso geht.

Ich bin jetzt 42. Ein gutes Alter, sagt man. Man steht im Leben, hat seine Routinen, kennt sich selbst. Dachte ich zumindest. Bis mein eigener Körper und mein Kopf in letzter Zeit angefangen haben, mir ziemlich deutliche Zeichen zu senden. Es fing harmlos an – kleine Ticks, Konzentrationsaussetzer, Momente, in denen ich wie blockiert war. Erst schiebt man es auf den Stress, den Job, das Älterwerden. Aber irgendwann spürst du, dass da tiefer etwas nicht stimmt. Als würde ein Zahnrad im Kopf ständig blockieren, weil es falsch herum eingebaut wurde.

Die Wahrheit ist: Mein System läuft seit 35 Jahren mit der falschen Software.

Wir schreiben das Jahr 1990, erste Klasse Grundschule. Ich bin eigentlich geborener Linkshänder. Doch damals hieß es noch viel zu oft: „Das Messer links, die Gabel rechts – und geschrieben wird mit der schönen Hand.“ Also wurde ich umgeschult. Sanft, aber gründlich. Man lernt als Kind schnell, man funktioniert, man will dazugehören. Ich wurde zum Rechtshänder. Ich habe mit rechts geschrieben, mit rechts gearbeitet, mein ganzes Leben auf rechts getrimmt. Dass man damit das Gehirn einmal komplett umkrempelt und die Synapsen quasi im Dauer-Gegenverkehr laufen, ahnt man als Kind ja nicht.

Vor ein paar Wochen habe ich den Schritt gewagt und einen Termin bei einer professionellen Händigkeitsberatung gemacht. Ich wollte einfach wissen, ob meine Aussetzer und diese ständige, unterschwellige Erschöpfung daher kommen könnten.

Das Ergebnis war ein echter Augenöffner. Nach vielen Tests und einem sehr intensiven Gespräch stand fest: Die Linkshändigkeit ist meine Natur. Sie war nie weg, sie wurde nur tief vergraben. Und die Ticks? Das ist wohl mein Gehirn, das nach all den Jahren einfach müde ist, permanent gegen den eigenen Strom zu schwimmen.

Gemeinsam sind wir zu dem Entschluss gekommen: Ich mache das jetzt. Ich starte ein Rücktraining auf die linke Hand.

Ich werde wieder lernen müssen, wie man einen Stift hält. Wie man schneidet. Wie man alltägliche Dinge tut, ohne nachzudenken. Es wird Monate dauern, wahrscheinlich ein ganzes Jahr, und es wird verdammt anstrengend für den Kopf. Man sagt, es ist wie eine Operation am offenen Gehirn, nur ohne Skalpell.

Das hier ist Tag Null. Ich habe keine Ahnung, wie frustrierend es wird, wenn die ersten Zeilen wie Kritzeleien aus dem Kindergarten aussehen. Aber ich weiß, dass es der einzige Weg ist, um endlich ganz bei mir selbst anzukommen.

Ich nehme euch hier mit auf diese Reise – ungeschönt, mit allen Fortschritten und jedem softwarebedingten Absturz. Schön, dass du da bist.